Samstag, 23. Februar 2008

Medikamentation: Psychopharmaka und "life drugs" (akt. 22.02.2008)

Die erste Säule der Depressions-Behandlung: Medikamentation. Folgend meine Erfahrungen mit den diversen Psychopharmaka, die ich im Laufe der Zeit im "trial and error"-Verfahren gesammelt habe.

1. "Tevilor" (Wirkstoff: Venlafaxin): Ein sehr effektives Psychopharmaka, welches ich - in angepassten Tagesdosen von 35 mg bis 300 mg Venlafaxin - über mehrere Jahre genommen habe. Sehr gute emotionale Verbesserung und Stabilisierung auf relativ hohem Niveau, mit geringen Schwankungen. Ich fühlte mich wie "in weiche rosarote Watte gepackt".
Ein riesiges Problem ist die intellektuelle Beeinträchtigung, ich nenne es - in Anlehnung an den emotionalen Zustand - bildlich gesprochen ein "rosa Rauschen", welches im Kopf vorherrscht, und stark Lernen und Konzentration behindert. Insofern war es für meine Situation (Studium) ungeeignet, was ich viel zu spät gemerkt habe. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich während der Verabreichungszeit von Trevilor wie in einem leichten Rausch lebte, Probleme - aber auch das Leben! - gingen an mir vorüber. Senil grinsend trieb ich durch die Zeit. Insofern ist es eher für Menschen geeignet, die nichts mehr tun müssen und einfach nur "glücklich" sein wollen.
Nebenwirkungen: Benommenheit, Verwirrung, Vergesslichkeit, Erektionsprobleme, starkes Schwitzen und stechender Schweiß- und Uringeruch, erhöhter Puls, schnelle Erschöpfung (beim Sport).

2. 12 mg Reboxitin ("Solvex") zusammen mit 100 mg Modafinil ("Vigil"), letzteres anfangs off-label verschrieben, da es in Deutschland zur Depressionsbehandlung noch nicht zugelassen war: das war ein radikaler Wechsel nach "Trevilor". Ca. 1 Woche nach der Umstellung kam der schlimmste Zusammenbruch, den ich bisher erlebt habe. Und eine beeindruckende Verbesserung der intellektuellen Fähigkeiten, wie ein Erwachen, und als wäre man (wieder) intelligent geworden. Die Beklemmungen gingen leider nicht weg.
Nebenwirkungen: Dauermüdigkeit, was keine unmittelbare Nebenwirkung ist, denn ich schlafe nachts tief und fest - aber zu kurz. Ich springe um fünf Uhr hellwach aus dem Bett und weiß dann nicht so recht, was ich tun soll. Selten gelingt das erneute Einschlafen nach dem Umzug auf das Sofa.

3. Bupropion ("Elontril") wurde in fortschrittlicheren Ländern als Deutschland bereits seit Jahren als Antidepressivum eingesetzt, hier ist es dafür erst seit Frühjahr 2007 zugelassen.
Es zeigt wohl auch unterstützende Wirkung bei Raucherbeendigung und Gewichtsabnahme und ist deshalb - in gleicher Dosierung! - auch als "life-drug" im Handel. Das zeigt wiederum, wie wenig tatsächlich über Depression als Botenstoffstörung bekannt ist. Amüsiert las ich auf dem Beipackzettel: "Es wird vermutet, dass es im Gehirn mit den chemischen Substanzen Noradrenalin und Dopamin in Wechselwirkung tritt. Diese Substanzen werden mit der Entstehung von Depressionen in Verbindung gebracht".
Der gleiche Wirkstoff in derselben Dosierung als Luxusdroge für Raucher, die damit aufhören wollen. Sehr unspezifisch. Also bin ich so etwas wie ein biochemisches Versuchskaninchen; besser aber das als Nichtstun.

4. Mit "Elontril" zusammen mit "Vigil" (Wirkstoff: Modafinil, s. o.) nehme ich nun zwei Medikamente, die auch als "life drugs" eingesetzt bzw. abgesetzt werden. In der "Wirtschaftswoche" stand, daß Manager "Vigil" nähmen, um eine Nacht durchzuarbeiten. Meine Meinung: Was für Weicheier, das geht auch ohne Drogen. Und es ist ein unsportliches Verhalten, weil sie sich dadurch besser machen, als sie sind, während ich es nehme, um "normal" zu sein.
Und von den US-Streitkräften heisst es, sie hätten es an ihre Kampfflieger beim Desert Storm verfüttert. Das wiederum finde ich sehr fortschrittlich. Derartige Maßnahmen würden bei uns zu zahllosen Beschwerden von Soldaten, Anhörung des entsprechendem Beauftragtem im Bundestag und zu einem "Spiegel"-Titelthema führen.
Vergleichlich auch unter Wissen: "Die Pathologie des Normalen" (Neuro-Enhancement)
Mit jeweils 1 Tablette morgen ergab sich keine signifkante positive Wirkung, die Bekemmung war zwar nicht mehr dauerhaft, aber präsent, und ich war emotional sehr unstabil (Verzweiflungs- oder Angstschübe).
Ich habe daraufhin auf die Höchstdosis erhöht (jew. 2 Tabletten), was regelmäßige abendliche Verzweiflungsschübe inkl. Selbstmordgedanken mit sich brachte. Daraufhin Reduzierung auf 2x Tabl. "Elontril" und 1,5 Tabl. "Vigil". Dadurch deutliche Besserung.
Nebenwirkungen ("Vigil" zusammen mit "Elondril"): die ersten vier Wochen dauerhafte - aber nur leichte - Kopfschmerzen flächig im Stirnbereich, manchmal stark und fokussiert auf Nasenwurzelbereich, weiterhin: leichtes Zittern, leichte Übelkeit, pelziges (taubes) Gefühl in der Nase- und Mundpartie, Sehstörungen (Augenschmerzen, Verschwommenheit in der Nähe, "Sternchen" vor blassen Hintergründen), starker Schweiss- und Uringeruch.
- bei hoher Dosierung (s.o.): wie oben, plus Einschlafstörungen, erhöhter Puls und Blutdruck, stärkeres Zittern der Hände, Hände u. Füße "schlafen" schnell ein. Ca. 6 Std. nach Einnahme leichte Hitzewallungen. Selbstmordgedanken.

5. "Tavor" (Wirkstoff: Lorazepam): zur fallweisen Anwendung bei starken Angstschüben (also nur für Notfälle). Ich nehme dann 1/4 bis 1/2 Tablette, meines Wissens entspricht das 0,25 (0,50) mg Lorazepam. Wirkt sehr schnell. Ich vermeide wenn möglich die Einnahme (arg.: BtmG-Medikament, Suchtgefahr, kognitive Beeinträchtigung). Mußte und muß ich jedoch vereinzelt während der Einnahme von "Solvex" und "Elondril", jeweils in Verbindung mit "Vigil", nehmen, auch bei der erhöhten Dosis.

Fazit: eine hilflos anmutende Medikamentation durch ständiges Ausprobieren, was Wirkstoff und Dosierung betrifft, angepasst/variiert zudem an wechselnde Lebenssituationen. Die beste Wirkung wird mit einem Lifestyle-Medikament zur Raucherentwöhnung erreicht. Da muß noch viel geforscht werden.



Wissen: "Baustelle Kopf" (SZ vom 03.05.2007) (akt. 22.02.2008)

Hanno Charisius schrieb in der Süddeutschen Zeitung, 03.05.07, Wissen, S. 20 unter dem Titel "Baustelle Kopf - Fortschritte in der Hirnforschung ermöglichen inzwischen Eingriffe direkt in unsere Denk- und Steuerzentren - und wir stehen erst am Anfang einer umwälzenden Entwicklung. Europäische Forscher fordern nun Zurückhaltung" (gekürzt):

"Bilder und Gefühle entstehen in einem Chaos aus chemischen Botenstoffen und elektrischen Impulsen, genau wie Wahrnehmungen, Erinnerungen und Ideen. Gleichzeitig ist das Gehirn für die Koordination von Bewegungen zuständig.
In dieses Treiben greift der Mensch inzwischen ein: Fortschritte in der Hirnforschung ermöglichen Interventionen direkt ins Denk- und Steuerzentrum. Gedächtnistuning mit Medikamenten, psychopharmakologische Therapien für Demenzkranke und Psychiatrie- Patienten, Nerventransplantation, Neuroprothetik und elektrische Schrittmacher markieren wahrscheinlich erst den Anfang einer umwälzenden Entwicklung.
Sogar für Experten ist es schwierig geworden, im Strom der Nachrichten zwischen real verfügbaren Anwendungen und Zukunftsvisionen zu unterscheiden: Gelähmte steuern künstliche Gliedmaßen mit der Kraft ihrer Gedanken. Menschen mit Depressionen regulieren ihre Stimmung mittels im Gehirn implantierter Elektroden. Parkinsonpatienten bekommen Nervenzellen abgetriebener Föten in das Gehirn gespritzt. Studenten bereiten sich mit Büchern und Gedächtnispillen auf Prüfungen vor.
Eine ... Studie der Europäischen Akademie zur Erforschung und Beurteilung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen versucht, in dieser verwirrenden Gemengelage eine Orientierungshilfe bieten ..., zeigt die derzeitigen Möglichkeiten und Entwicklungsperspektiven der Neurotechnologie auf und analysiert "die wichtigsten Bedenken gegen diese Interventionen aus philosophischer und juristischer Perspektive"...
Eingriffe ins Gehirn sind nach Auffassung der Experten je nach Absicht grundsätzlich unterschiedlich zu bewerten: Therapeutische Anwendungen sind demnach eher zu befürworten als Anwendungen, die "auf die Verbesserung der psychischen Funktionen von Gesunden abzielen".
Ein solches "Enhancement" ist nach Ansicht der Autoren allerdings nicht in jedem Fall verwerflich, sondern nur dann, wenn es schädliche Nebenwirkungen gibt oder ein gesellschaftliches Ungleichgewicht droht, weil nicht jeder Mensch sich Leistungssteigerer für das Gehirn leisten kann - oder will. "Sollten deutliche Anzeichen für eine solche Entwicklung erkennbar werden, scheint eine staatliche Intervention zum Schutz der Bürger geboten, die ein Enhancement ablehnen", schreiben die sieben Studienautoren.
Ansonsten stehe es jedem Menschen frei, seine geistigen Fähigkeiten durch geeignete Techniken, auf eigenes Risiko und auf eigene Kosten zu verbessern. Das Gesundheitssystem dürfe dadurch jedoch nicht belastet werden".

Es folgen Ausführungen zur gesellschaftlichen Veränderung durch die Neurotechnologie und das Erfordernis einer speziellen "Neuro-Ethik"; Link zum Volltext.

(Copyright: Süddeutsche Zeitung)

Wissen: Mozart ohne (Neben-)Effekt (SZ vom 11.04.2007) (akt. 22.02.2008)

Schade für die jungen Mütter, die schwanger direkt von Madonna auf Mozart umsteigen: den sog. "Mozart-Effekt" - Höre Klassik und Du - und Dein Ungeborenes - werden schlauer - gibt es nicht. Gelesen in der Süddeutschen Zeitung vom 11.04.2007, S. 18.

Demnach gibt es nur eine messbare neuronale Änderung in Form einer Vergrößerung der Gehirnregionen, die für die Feinmotorik zuständig sind. Und das natürlich nur beim aktivem Musizieren und nach vielen Jahren (Berufsmusiker).

Wegen der Wirkung der Stimmung auf die Leistungsfähigkeit war ich auf folgende Passage aufmerksam geworden: "Vielmehr würde jede Art von Musik, die Freude macht, genauso wie auch alle anderen angenehmen Reize die Stimmung heben und damit die Leistungsbereitschaft kurzfristig fördern."
Versuchte ich doch vor einigen Tagen meiner Freundin recht hilflos zu erklären, warum ich mich so schlecht konzentrieren kann, auch wenn ich nicht - wie meist - in einem dunklen Loch gefangen bin. Aber in Zukunft vielleicht beim Lernen leise Klassik im Hintergrund?

(Copyright Süddeutsche Zeitung)

Namensfindung (akt. 22.02.2008)

Bei der Suche nach einem einprägsamen Namen für diesen blog fiel mir ein Lied ein, welches, positiv ausgedrückt, den Wunsch nach Gesundung bzw. eine Voraussetzung davon recht poetisch ausdrückt: "Eisenherz" ist der Titel, von der 2002 erschienenen gleichnamigen CD der kuriosen Gruppe "Stahlhammer". Also ein starkes, geschütztes Herz.
Andererseits kann sich eine Depression auch wie ein Eisenherz "anfühlen"; Kälte, Angst, Beklommenheit, mechanische Gefühlslosigkeit (siehe auch: Definition).

Ein Textauszug:

"In der tiefsten Nacht
Und im Tal der Einsamkeit
Auf rechtem Weg
Geh' den Pfad, geh'
Nimm dein Herz und geh ins Licht.

Und es bebt in der Stille deiner Seele

Es schlägt bei Tag und Nacht in mir
Das Eisenherz
Kein Schmerz und edler Geist
Es schlägt bei Tag und Nacht in mir
Das Eisenherz
Ein Kelch voll Lebenskraft
Und Blut.

Zwischen Raum und Zeit
Und im Einklang deiner selbst
Auf rechtem Weg
Geh' den Pfad, geh'
Trag' die Last wie eine Zier."

Copyright: Stahlhammer